Tramfahren bei Schnee

Seit einer Woche ist der Winter auch im Schweizer Flachland angekommen. Zürich hat seinen ersten Schnee im Winter 16/17 erlebt, die Strassen und Gehwege präsentierten sich zuerst im jungfräulichen Weiss, später dann im schmutzig-salzigen Schmuddelbraun.

Schnee Höschgasse

Schnee Höschgasse

Wie fährt es sich eigentlich Tram, wenn Schnee liegt??

Die schnelle Antwort wäre: Genau so wie sonst. Schnee macht zwar Strassen rutschig, nicht jedoch Schienen.

Die ausführliche Antwort ist: Bei Schnee fährt sich Tram doch ein wenig anders! Warum?

  1. Rutschgefahr: Ich schrieb ja gerade, dass die Strassenbahnen selbst nicht ins Rutschen kommen. Die Schienen sind bei Schneefall meist schön nass und damit ziemlich griffig. Unserer Bremswege werden also nicht länger. Gleichwohl sind die Strassen dennoch rutschig. Wir Tramführer müssen nun noch mehr (als sonst) darauf achten, was denn all die anderen Verkehrsteilnehmer so machen. Und wie es eben oft so ist: Bei ungewohnten Situationen – Schneefall gehört da auch dazu! – legen viele Verkehrsteilnehmer oft unsinniges Verhalten an den Tag. Vor allem – tut mir leid wenn ich das so deutlich sage – unsere eigenen Kunden und Fahrgäste. Also die Fussgänger. Gerade bei den Fussgängern habe ich das Gefühl, dass sie bei Schneeglätte besonders schnell noch irgendwo über einen Strasse springen wollen. Und dann eben ausrutschen, hinfallen, wenn es dumm läuft direkt vor einem Fahrzeug. Hab ich alles schon erlebt.
    Schnee ist also für uns doppelt anstrengend, weil wir  noch mehr vorausschauend fahren müssen als sonst.
  2. Weisser Mantel: Schnee hat ja eigentlich die wunderschöne Eigenart, alles mit einem weissen Mantel zu überdecken. Was in der Landschaft wunderschön aussieht, ist auf den Strassen für den Verkehr nachteilhaft. Plötzlich erkennt man keine Strassenmarkierungen mehr! Autofahrer wissen nicht mehr, wo sie eigentlich hingehören und fahren nicht mehr in ihren markierten Bereichen. Sondern fahren – natürlich ungewollt – viel mehr in den Spurbereichen der Strassenbahn herum. Und wir Schienenfahrzeuge kommen dann nicht mehr an den stehenden Autokolonnen vorbei, weil diese in unserem Lichtraumprofil sind.
    Aber auch Trams selbst haben Bodenmarkierungen, wie z.B. Punkte für die Weichensensoren, Markierer für Oberleitungs-Unterbrecher, usw.. Diese sehen wir bei Schnee auch nicht mehr. Da sind dann einfach exzellente Streckenkenntnisse gefragt.
  3. Schneehaufen: Je mehr Schnee fällt, desto mehr schieben unsere Räumfahrzeuge diesen irgendwo auf die Seite. Meist natürlich an den rechten Streckenrand. Aber auch schon mal woanders hin. Am rechten Strassenrand macht dann der Schnee die Strasse schmaler, und alle Auto drängen sich dadurch mehr in Richtung Strassenmitte – genau dahin, wo wir Trams fahren. Und so  –  siehe auch schon oben bzgl. Markierungen – kommen sich Autos uns Trams in die Quere.
    Schneepflug

    Schneepflug

    Aber ich sehe auch immer wieder Schneehaufen der Räumfahrzeuge mitten auf den Schienen. Bei kleineren kann ja mal noch (vorsichtig) hindurch fahren. Wenn man vorher das sog. Fallgatter hoch gebunden hat. Das Fallgatter ist (bei älteren Trams) eine Sicherheitsvorrichtung vorne unten am Bug des Wagens, das herab fällt, wenn es gegen einen festen Gegenstand stösst. Es soll verhindern, dass ein Tram diesen Gegenstand (oder Person!!) überrollt. Im Winter nun, könnte so ein fester Gegenstand dann auch ein Schneehaufen sein – und das Fallgatter würde wie eine riesige Schneeschaufel funktionieren. Und dabei meist Schaden nehmen. Und wenn es dumm läuft, dann bricht es, das Tram fährt über sein eigenes Fallgatter drüber und entgleist dabei. Also: Hoch binden!! Und doppelt vorsichtig fahren!
    Bei grossen Schneehaufen müssen auch Strassenbahnen anhalten. Zu gross ist die Gefahr, dass das Fahrzeug aufsitzt und steckenbleibt bzw. entgleist.

  4. Weichenheizung

    Weichenheizung

    Schnee und Weichen: Die allermeisten Strassenbahnweichen in Zürich sind beheizt. Und das ist auch notwendig, dann sonst würden sie im Winter unweigerlich zu gefrieren und nicht mehr korrekt die Zungen beim Stellen umlegen. Wenn nun aber mal doch ein sehr knüppelharter Eisbrocken in die Weiche gerät, oder wenn vom Autoverkehr sehr viel pappiger, nasser Schnee in die Weiche hinein gewalzt wird, dann kommt die Heizung nicht mehr hinterher. Liesse man ihr 30 Minuten Zeit, um das weg zu tauen, dann schon. Aber unsere Weichen werden teilweise im Minutentakt hin- und her gestellt. Dann sind Weichenstörungen nicht ungewöhnlich. Und das – liebe Leser – ist für mich persönlich das grösste Übel am Schnee. Mit allen anderen Schwierigkeiten komme ich zurecht. Aber wenn eine Weiche nicht richtig stellt, dann muss ich einfach stehenbleiben, aussteigen und die Weiche selbst sauber putzen. Glauben Sie mir, das ist nicht in 20 Sekunden erledigt, das dauert gerne mal einige Minuten. Minuten, in denen unserer Fahrgäste sehr schnell ungeduldig werden.

Das sind die wichtigsten Herausforderungen beim Tramfahren im Schnee. Es gäbe noch ein paar mehr. Z.B. erhöhtes Fahrgastaufkommen, weil der Gewohnheitsautofahrer dann mal doch sein Fahrzeug stehen lässt und mit dem ÖV fahren will. Oder Alt-Eis in den Schienenrillen, welches auch schon mal ein Tram entgleisen lassen kann, weil es in der Rille auf dem Eis aufsitzt – so etwas ist bspw. vor ca. 2 Jahren am Sternen Oerlikon passiert.
Wenn also bei Schneefall Ihr Tramführer etwas gestresst aussieht – dann glauben Sie mir bitte, dass er nicht einfach nur keine Lust am Beruf hat. Sondern er ist tatsächlich im Stress. Weil Tramfahren im Schnee doch nicht ganz so leicht ist.

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