Menschen und Multitasking?

Es begab sich kürzlich, dass ich auf der Linie 17 unterwegs war. Ich kam mit meinem Tram am Bahnhofquai an. Das ist – für Nicht-Zürcher und öV-Amateure – eine Station vor der Endhaltestelle der Linie 17 (dem Bahnhofplatz).

Noch während die meisten Leute ausstiegen, sah ich eine junge Dame, die sich in meine offene vorderste Türe bewegte. Dabei schleppte sie einen riesigen Rollkoffer mit sich, bei dem sich wohl nicht mehr alle Rollen geschmeidig drehten, denn sie mühte sich recht mit ihrem grossen Gepäck ab. Gleichzeitig zu ihren Gepäck-Bemühungen telefonierte die junge Dame. In der Folge machte sich dann diese Frau daran, weiterhin telefonierend, ihren schweren Koffer in meine Tram zu wuchten.

„Entschuldigen Sie, sind Sie sich sicher, dass sie in das richtige Tram einsteigen?“

– So meine Frage durch das Führerstansfenster, an eben jene Dame gerichtet. Denn ich konnte nicht erkennen, dass die Frau auch nur einen Bruchteil einer Sekunde mein Tram aktiv angesehen hat, geschweige denn nachgesehen hat, welche Linie ich fahre, und in welche Richtung. Und es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand mit schweren Gepäck in eine Tram steigt, nur um ein paar Meter weit um den Bahnhof herumzufahren. Da wäre man sinnvollerweise gleich auf der Richtigen Seite aus dem Bahnhofsgebäuder herausgelaufen. Die Frage hatte also durchaus Sinn. Jedoch … !

„Aber ja doch!!“

… schallte es etwas entnervt und pampig zurück. Und weiter gings im Telefongespräch und Hereinhieven des schweren Gepäcks.

Na gut! Türen zu, Türen verriegeln. Ich war damit abfahrbereit und wartete nur noch darauf, dass das Signal mir die Fahrt aus der Haltestelle freig ab.

Nun endlich dämmerte der ach so freundlichen Dame direkt hinter mir, dass sie vielleicht doch etwas kopflos einfach nur in das erstbeste Fahrzeug eingestiegen war. Ich hörte mit einem Mal sehr hektische Geräusche hinter mir. Der Koffer wurde wieder in Richtung Türe gestossen, das Telefon fiel zu Boden. Und gleichzeitig sah ich durch den inneren Rückspiegel eine Hand ganz verzweifelt den Türknopf malträtieren.

Seufzend entriegelte ich noch einmal die Türen und gab der Dame Gelegenheit, ihr Smartphone einzusammeln und mitsamt dem Rest ihres Hab und Guts aus meinem Tram heraus zu wuchten.

„Ich wollte ja nur behilflich sein“ – dachte ich mir. Aber Menschen und Multitasking – nein! Das funktioniert nicht. Da kann mir jeder erzählen was er will. Von wegen, dass Frauen dies besser könnten als Männer. Und andere Zeitgenossen, die mir gegenüber behaupten, sie könnten sehr wohl mehrere Sachen gleichzeitig machen. Denen glaube ich nur sehr bedingt.
Nun gut, ich modifiziere meine Multitasking-Behauptung etwas: Multitasking funktioniert durchaus. Aber es erfordert Konzentration. Und diese Konzentration bringt man eben nicht immerwährend auf. Die wenigsten Menschen laufen mit einem immerwachen Geist und Sinn durch die Welt. Wir hängen immer wieder irgendwelchen Gedanken nach, oder eine Tätigkeit beansprucht das Denken so stark, dass wir den Rest der Welt nur noch am Rande wahrnehmen.

Und nicht immer hat eine Fahrgast das Glück, dass ich noch einmal die Türen öffnen kann. In diesem konkreten Falle war gerade hintermir an dieser Doppelhaltestelle kein zweites Tram, welches ich dadurch aufgehalten hätte. Oft genug ist dies aber am Bahnhofquai der Fall. Wir Tramführer haben sogar die ausdrückliche Anweisung, die Fahrgastaufenthalte an dieser Station speditiv abzuwickeln (zumindest untertags im 7.5-Minuten-Takt), damit wir uns nicht gegenseitig im Weg stehen und behindern.

Oft genug wünsche ich mir, dass Menschen Multitasking beherrschen würden!!!

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